Die Dame im Zug

Dies ist eine Geschichte von einer, die nie lange bleibt und doch niemals ganz verschwindet. Der Ort des Geschehens ist ein Zugabteil im Winter. Dort findet man, fährt man genau die selbe Strecke jeden Tag, auch genau die gleiche (ja sogar die selbe!) Dame, an genau dem gleichen Platz sitzend. Und sieht man sie an, so lächelt sie- gewiss! Ein jeder vermag sie zu kennen, sie, die allem Anschein nach mit Platz Nummer 18 eins geworden ist. Und die, die nicht oft diesen Zug nehmen, ja sogar gänzlich neue Fahrgäste auf der Strecke sind, würden jedem, der ihnen erzählt, die Dame sei an diesem Fleck geboren und habe sich seither nicht fortbewegt, auf der Stelle glauben. Man könnte meinen, nur durch jene zierliche Gestalt auf Nummer 18, gewinnt der Zug an Wärme, bildet ein Kokon für alle, die durch Schneetreiben und innere Unruhe aufgewühlt zusteigen und schafft Platz, sich in seinem Ich zuhause zu fühlen. Sie ist Teil des Zuges, der sich durch die Kälte schmiegt. 

Die kleine Dame, sie fährt viel Zug. Sie liebt sie, die Bäume, die vorbeiziehen, die Städte, die sie nur kurz mit ihrem Blick einfangen kann und die Leben, die sich dort verstecken. Wenn sie nicht aussteigt, wird sie nie von ihnen erfahren und dann schätzt sie sie noch mehr, die Zugfahrt, auf der sich eine Welt auftut, die nur dort existiert. Zwischen alten Ledersitzen und beschlagenen Scheiben stellt sie sich Fragen, gibt sich selbst Antworten. Nie hat sie das Gefühl, sich im Kreis zu drehen, denn der Zug fährt stets weiter, lässt Altes hinter sich und auch wenn das Neue nie wirklich Neu ist, ist es immerhin anders als noch eine Sekunde zuvor. So schafft sie sich eine Welt auf vielen Rädern, die ihre Hände nicht selbst gebaut haben und doch hat kein anderer zu ihr Zutritt. Der Zug ist Teil von ihr, wenn er sich mit ihr durch die Kälte schmiegt.

Sie rollt durch das Leben anderer und verbringt nie länger als einen kurzen Augenblick an einem Ort. Machen sie Halt, so sieht sie den Wartenden auf dem Bahngleis von ihrem Sitz aus zu, wie sie frierend von einem Bein aufs andere schwanken und wenn sie zu neugierig ist und ihr Gesicht zu nah an die Scheibe hält, sodass ihre Nasenspitze das Glas berührt und ihr Atem das Fenster beschlägt, so wird ihre Sicht getrübt und sie muss sich erinnern, Abstand zu halten, um klar zu sehen. 

Verschiedene Leute betreten den Zug. Manche sind hektisch, aufgeregt, suchen ihren Platz und finden sie ihn nicht auf den ersten Blick, scheinen sie einen Moment lang selbst im überschaubaren Inneren des Wagens sehr verloren. Sieht dies die Dame, so löst sie sich von ihrem Platz, legt behutsam ihre warme Hand auf den Arm des Suchenden und deutet mit der anderen auf einen freien Sitz. Dankend setzt dieser sich und fühlt sich wohl, dort wo er ist. 

Ein anderer mag hineinkommen und den anderen Fahrgästen nicht einmal einen Blick würdigen, ihnen keinerlei Beachtung schenken. Einmal sitzend, scheint solchen schnell langweilig zu werden, auch, weil selten ein zweiter sich zu ihnen gesellen möchte. So sieht auch dies die Dame, bewegt sich fast lautlos zu dem freien Platz und verschenkt ihre Aufmerksamkeit an den einsamen, gelangweilten Fremden. 

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l e b e n

Dann gibt es noch die wohlgesinnten, die sich freuen - auf das Ziel. Mag es Zuhause, ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten, die neue Liebe, das Elternhaus, ein Ausbruch aus dem Alltag oder einfach nur der Weg sein. Sie schauen geerdet aus dem Fenster, ihre Gedanken haften an der vorbeifliegenden Landschaft, an den kargen Bäumen, den mit Schnee bedeckten Feldern, den rauchenden Schornsteinen der Häuser, das warme Innere dieser dem des Zuges sehr ähnlich. Hin und wieder löst sich ihr Blick von dem Außen und schweift zwischen den Sitzen umher. Dort trifft er auf die sanften Augen der Dame, die mit ihrem zärtlichen Lächeln Sinn und Akzeptanz jenem Wohlgesinnten spendiert.

Sie alle kommen und gehen. Manche verweilen nur kurz, springen schnell wieder raus in die Kälte, andere bleiben sitzen, von Abfahrt bis Ankunft. Die Dame ist immer da, für sich selbst und für jene Reisenden, die als Einzelne einsteigen und als Teil verweilen. 

Außen steht leicht leserlich ‚Leben‘, drinnen finden sich alle, die mitfahren.