Lass dir dein ICH nicht wegnehmen!

Täglich frag ich mich, was ich habe. Nicht, was mich belastet, sondern was ich alles zu mir zählen kann, was im weitesten Sinne zu meiner Person gehört. Dann zähle ich in meinem Kopf Dinge auf. Und auch viele Menschen. Und das Eine, was ich dabei häufig vergesse, ist mein Ich. 

Identitätsverlust, das klingt so gehoben, das klingt so, als ob man dafür studiert haben muss, um das Konzept zu verstehen. Das Leben studiert? Mehr eigentlich auch nicht. Und dann ist da diese riesige, unausweichliche und undefinierbare Blase der „Selbstfindung“. Wir rennen zum Yoga, wir meditieren und lesen Ratgeber. Das setzt alles schon weitaus höher an, als ich mir hier gerade zumute. Ich verweile kurz auf der Ebene des Alltäglichen, auf der, des Zwischenmenschlichen, um schlussendlich wieder bei mir, bei dir, beim Individuum zu landen. 

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“Ich weiß, was mir gefällt. Das weiß jeder. Das vergessen wir nur manchmal. Hier ein Plädoyer, sich daran zu erinnern und zu kommunizieren!”

Um jegliche Arten von Beziehungen mit Personen einzugehen, öffnen wir uns ein Stück, zeigen uns verletzlich, ein wenig nackt, der Welt. Ich gebe ein Stück ‚ich’ preis, um das des/der anderen aufzunehmen. Ich strecke meine Hände aus und nehme den Teil meines/r Gegenüber auf, dreh und wende es, begutachte und verstehe es zu Beginn wahrscheinlich nicht. Ich suche nach einem Platz in mir, in den es hineinpasst, den richtigen Ort. Bei manchen halte ich es verwirrt und sehr lange zwischen meinen Fingern, versuche es zu kneten, drücken und zerren, sodass es meiner Vorstellung entspricht. Dabei stelle ich jedoch immer wieder auf’s Neue fest, dass sich zwar anfänglich die Form mancher Teile anderer verändern lässt, aber die merken sich ihren ursprünglichen Zustand, glaub mir! Dann setze ich es bei mir ein und eines Tages wach ich auf, hab jemanden verinnerlicht, denke, es stimmt alles so und dann wird er plötzlich wieder zu sich und es fängt an, von innen zu drücken und zu piksen, so wie ein Schuh, der falsch eingelaufen wurde. So wie ich also versuche, niemanden zu verändern, niemandem versuche weis zu machen, es stehe ihm besser (oder ihr), ein wenig die Form zu verändern, so gebe ich unentwegt darauf Acht, ich zu bleiben. Habe ich mich geöffnet, mich jemand anderem anvertraut, so sehe ich, wie ich behandelt werde. So fühle ich ein grobes Zupacken, so spüre ich zarte Berührungen. Ich genieße gutes Zureden, warme Hände, einen festen Griff, der mich nicht zu sehr einengt. Ich weiß, was mir gefällt. Das weiß jeder. Das vergessen wir nur manchmal. Hier ein Plädoyer, sich daran zu erinnern und zu kommunizieren! Redet, Leute, redet! Lässt mein Gegenüber mich nicht gerade fallen, was einen offensichtlichen Knick in den Umgang mit mir setzen würde und von ihm/ihr hoffentlich selber sehr bewusst als Fehler wahrgenommen wird, so weiß er/sie doch gar nicht recht, was genau ich brauche. Vielleicht möchte ich einfach nur gehalten werde, vielleicht möchte ich beschützt und getragen werden, von Ort zu Ort oder standfest und beobachtend. Vermutlich gefällt es mir heute, in die Luft geworfen und wieder aufgefangen zu werden, oder mir tanzend die Welt zeigen zu lassen (junge Menschen…….). Und was ich möchte, das sage ich und wenn ich mich jemandem geöffnet habe, der feinfühlig genug ist, zu hören, was ich sage, dann bekomme ich auch das, was ich möchte. 

Zurück zu meinen Händen, denn die gehen im Austausch mit Menschen nicht leer aus. Ich halte, genau wie mein Gegenüber, ein Teil des anderen. Und das erforsche ich, neugierig, stets fragend, wie es zu behandeln ist, schätzend, was es mir geben kann. Und hat man sich mir anvertraut, hat man mir ein Stück seines Ichs gegeben, so such ich nach einem Platz dafür, genau so, wie es ist. Das ist nicht die ganze Person, das ist das, was sie mir von ihr geben möchte. Ich habe Vertrauen darin, dass jeder weiß, wie groß die Päckchen sind, die sie von sich preisgeben möchten, wissend, dass jeder eine bisschen andere Seite von jedem kennt. So bleiben wir wir, so bleiben wir originell, so bleibt der Austausch und die Beziehungen zwischen jedem einzelnen von uns einzigartig. Manchmal ertappe ich mich dabei, auf das, was mein Gegenüber mit anderen teilt, zu luken. Ich versuche zu vergleichen, ob deren Bindung dadurch stärker ist, ob sie mehr hält, als ihn und mich, als sie und mich, als es zwischen uns beiden gibt. Schnell bemerke ich dann jedoch, dass ich ganz vergessen habe, auf mein Teil der Person zu schauen. Das ist alles, was ich bekomme und das ist das, was mir zusteht und das ist in jedem Fall genug! 

Für mich stehen somit drei Sachen ziemlich fest (und das ist schonmal etwas, in wackligen Zeiten):

  1. Ich nehme, was mir gegeben wird an und an mich und behandle es nach Gebrauchsanweisungen, nicht so, wie ich gerne hätte, dass es funktioniert. 

  2. Ich gebe, was ich geben möchte und kommuniziere, wie ich zu behandeln bin. 

  3. Geb dich nicht ganz auf, verschmilz nicht mit deinem Gegenüber, bleib deine eigene Person. Und hab trotzdem keine Angst davor, dich mit der Welt zu teilen, dich an Personen zu binden. Alles peu à peu, alles, im Rahmen des Ichs. 

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