Lächle und sei du selbst, sonst gehst du unter!

Berliner Hedonismus, Existenzialismus und die permanente Frage, wer wir werden sollen. 


In Berlin zu leben ist eine konstante unausweichliche Konfrontationstherapie. Ob man will oder nicht.

„Du hast das Gefühl, du weißt wer du bist?“ — Sieh dir die anderen um dich herum noch einmal genau an, solltest du nicht eigentlich ein bisschen mehr wie sie sein? 

„Du willst das Leben gerade ein bisschen ruhiger angehen, vielleicht ein bisschen früher ins Bett gehen?“ — Schau mal deine Facebook-Veranstaltungen an, willst du die ganzen Partys wirklich verpassen, die Ausstellung missen, bei dem Spaß Spaß Spaß aussetzen?

„Hey, ich glaube, die Person mag mich, wir werden bestimmt super gute Freunde! Oder Partner!“ — Warte ab, in Berlin bindet man sich nicht. 

„Wer genau soll ich nochmal sein?“ 

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Berlin kotzt dich an, also kotz zurück. 

Ich hoffe, du bist es noch nicht satt, über die Berliner Blase zu lesen, ich lebe nämlich noch tief tief in ihr und das hier wird ein kleiner Gedanken-Schwank aus ihrem Zentrum, direkt aus mir auf deinen Bildschirm geschüttet. Du, der um Berlin einen Bogen macht, dem das hedonistische Großstadt-Gesabbel auf den Geist geht: die Buchstaben, die jetzt kommen, sind verschwendete Zeit, ich würde an deiner Stelle aufhören zu lesen. Wer sich fragt, wieso ich trotz angedeuteten potenziellen Problemherden bleibe, der lese zuerst einmal hier rein. Ansonsten würde ich dich jetzt in meine Welt einladen, in der ich es nicht schaffe, die fast vier Millionen anderen zu ignorieren, die irgendwie mit mir hier wohnen wollen. Quatsch, da war ich kurz selbstzentriert. Achtung, warning! Das hier ist ein Artikel über das Individuelle und das Großstadtleben: 

Neulich in einem Seminar an der Uni: viele große Begriffe werden in den Raum geworfen. Es ist ein Seminar, in dem viel Sartre gelesen wird und Bataille uns erklärt, wie es faschistischen Führern gelingen konnte, Macht und Massen an sich zu reißen. Basis-Konstrukt der Seminar-Debatte ist, wie konnte es anders sein, der Kapitalismus und während das ein Thema ist, über das nie genug hitzige Diskussionen entfacht werden können, bin ich heute zu sehr in meinem Kopf, um mich wirklich ernsthaft um die Produktivität der Gesellschaft zu sorgen. (Das sollte reichen, um mithilfe von einer Handvoll Klischees ein Bild zu malen, in welcher Art von Setting ich mich befand). Ich hänge noch in der Gedankenkette einer Kommilitonin fest, als ein neuer Gedanke in die Luft geschossen wird und ich stehe vor der Entscheidung, die Menschen um mich herum mit verachtenden Blicken umzubringen, sie anzuhimmeln, einzuschlafen, meine Intelligenz anzuzweifeln, mich besser zu fühlen, begeistert Notizen für meine Selbstentwicklung zu machen, ……..  (meine Verwirrung schiebe ich dem konstanten Schlafentzug der letzten Tage in die Schuhe und nehme wenigstens ein paar Sekunden Auszeit, um mir leidzutun. Dann steige ich gedanklich wieder ein). Es wird interessant, der Begriff „Berliner Hedonismus“ fällt und ich bin ganz Ohr! Das Ganze wird nicht großartig weiter ausgeführt, aber mein Gedankenherd hat Feuer gefangen und ich bin meinem eigenen Zug aufgesprungen.

In der Stadt, in der sich jeder selbst in den Himmel lobt, herrscht ein Zwang zur Einzigartigkeit, zum Besonderen, zum Außergewöhnlichen.

Tippt man H e d o n i s m u s bei Google ein, wird einem sofort das Anhängsel „Berlin” vorgeschlagen. An der Kombination muss also was dran sein! Kann ja auch niemand verleugnen. Ein Konzept, bei dem das Streben nach Lust und Freude, eine Vermeidung von Schmerz und Leid, im Zentrum steht, passt zu einer Großstadt voller Geltungsbedürftiger wie die zusammengeklebten Finger zu unserer Kanzlerin. Meine Dozentin schickt zu dem Thema noch schnell ein paar Fragen in den Raum: 

„Wieso machen wir eigentlich Sport?“ 

„Wieso hetzen wir von einer Kunstausstellung zur nächsten?“

 © Olga Hopfauf

© Olga Hopfauf

„Was bringt uns der Ingwer-Shot aus dem Saftladen wirklich?“

„Was ist die Motivation hinter dem ganzen Gefeiere, hinter der Selbstdarstellung, der Großstadt-Schau?“

Antworten kommen viele, essenziell ist: das Alles machen wir schlussendlich, um reinzupassen - um Teil der homogenen Masse Berlins zu sein, funktionierend in diesem verrückten Universum. Und gerade das ist das Absurde: ein Anpassen an eine Masse bedeutet in den meisten Fällen, ein stückweit das Eigene und Individuelle zu verlieren. Aber nicht hier, nicht in Berlin. In der Stadt, in der sich jeder selbst in den Himmel lobt, herrscht ein Zwang zur Einzigartigkeit, zum Besonderen, zum Außergewöhnlichen. Ständig fragen wir uns, wer wir sein sollen oder zu wem wir werden sollen. Und weil wir uns in einer Stadt mit so vielen Unterschiedlichen befinden, uns dabei scheinbar an keinem gesellschaftlichen Grundkonsens orientieren können, werden wir von einem kalten Becken ins nächste geschubst.

 © Horst Eckert (im ZEITMagazin)

© Horst Eckert (im ZEITMagazin)

Aber das Schöne daran ist: beim kurzen Luftholen treffen sich die Blicke und man merkt ganz schnell: keiner weiß genau, was er da tut. Hier wird Berlin ein Stück weniger zur Blase, hier merke ich, dass auch in diesem Subkosmos das riesige „was-zur-Hölle-soll-ich-sein?“ uns alle gleichermaßen ins Gesicht schlägt. Hier, genauso wie woanders. Nur hier sind wir privilegiert. Und das meine ich aus der ehrlichsten Haltung heraus, ohne auch nur das kleinste Stückweit hochnäsig klingen zu wollen. Hier können wir uns ausleben, ohne dass Köpfe verachtend, verwirrt oder misstrauisch nach uns gedreht werden. Hier können wir uns heute fragen, wer wir sind, eine Ahnung bekommen, wer wir sein wollen, morgen ausprobieren, ob es klappt. Übermorgen sind wir dann eh schon wieder jemand völlig neues. Zelebrier ihn, diesen absoluten Luxus! Hab ruhig Angst. Zeig dich verletzlich, zeig dich offen, schütz dich genug (vor allem beim Sex!), sei jemand Neues oder fühl dich wohl im Alten, schlüpf in Rollen und teste Grenzen. Versetz dich öfter mal in dein betrunkenes Ich. Dein Ich, das das Gefühl hat, es wird alles klappen. Das, was viele Ideen hat, das denkt, morgen ist auch ein Tag, aber erstmal ist heute wichtig. (Die Kunst ist dann, kein Alkoholproblem zu entwickeln). Wie schön, wie einzigartig, dass das hier geht, hier, in Berlin! Absoluter Hedonismus, absolutes Glücksstreben. Solange du es nicht direkt auf jemand anderer Kosten machst, lass dir das auch nicht nehmen! (“direkt” deshalb, weil das alles im kapitalistischen System unausweichlich auf den Kosten anderer stattfindet. Aber wenn man dort anfängt zu argumentieren, kommt man nicht zum Schlafen. Und das nicht, weil man zu lange feiern war, sondern weil man sich zu viele Gedanken und Sorgen darum machen müsste, auf was man alles verzichten müsste und in wessen Schuld man permanent steht). 

Um noch echtes philosophisches Gedankengut in meinen Gedankenstrom mit einfließen zu lassen: wenn wir uns fragen, wer wir werden sollen, lass es uns machen, wie die Existenzialisten. Denn im Endeffekt müssen wir zu niemandem werden, wir sind schon längst. 

Ich liebe es, in Berlin zu leben und viele Masken anzuprobieren, mich dadurch auszuprobieren. Aber ich lege die Masken immer auf mein ICH auf und werde nicht zu den Masken selbst. Es ist sonst so schwer, sich jedes Mal auf’s Neue wieder zu suchen, wenn man sie ablegt und sich gleich mit. 


Quellen: 

https://www.duden.de/rechtschreibung/Hedonismus 

https://www.facebook.com/ZEITmagazin/photos/a.387396646926/10155665117721927/?type=3&theater

https://ze.tt/diese-cartoons-zeigen-dass-lachen-wirklich-die-beste-therapie-ist/?utm_medium=sm&utm_source=facebook_zonaudev_int&wt_zmc=sm.int.zonaudev.facebook.ref.zeitde.redpost_zmo.link.sf&utm_term=facebook_zonaudev_int&utm_campaign=ref&utm_content=zeitde_redpost_zmo_link_sf




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