Weihnachts-Krisen & Jahreswechsel-Utopien

IMG_3680.jpg
IMG_3295.jpg

Es ist Weihnachtszeit. Das hat für viele eigentlich gar nicht so viel zu bedeuten und wie viele (junge) Christen gibt es in Deutschland schon noch, die wirklich Weihnachten feiern? Nun scheint diese besinnliche Zeit jedoch Jahr um Jahr einen Rattenschwanz hinter sich herzuschleifen und ich bin dieses Mal ganz besonders doll draufgetreten. 

Weihnachtszeit. Wie ein Großteil von Berlin verlasse ich die Hauptstadt, die, so stelle ich es mir jedenfalls vor, zum 24.12. wie leergefegt sein muss. Es spitzt sich der ewige „Ur-Berliner-Zugezogenen-Konflikt“ zu und ein bisschen kann man die beneiden, die dableiben. Heiligabend wird als kurzer Abstecher bei der Verwandtschaft abgewickelt, um dann schnell wieder in die unaufgeräumte WG zu flüchten und auf den Rest von Berlin zu warten, der um die gleiche Zeit eine kleinen Kampf mit der Deutschen Bahn oder dem Stau auf den deutschen Straßen ausfechtet und noch eine Weile brauchen wird, bis er wieder Hauptstadtluft schnuppern kann/darf/muss. Nur vorstellen kann ich mir dir Überforderung, wenn vor lauter freier Sitzplätze in der U-Bahn die Entscheidung so schwer fällt. Welch Freiheitsgefühl es auslösen muss, kann man sich beim „Bei-Rot-Über-Die-Ampel-Gehen“ eigentlich nahezu sicher sein, dass kein Auto kommt, weil die Straßen sowieso leer sind. Und an die, die ein Auto in Berlin haben: schnell den Parkplatz vor der Haustür sichern und dann so wie die restlichen 90% des Jahres blockieren. Für den Fall der Fälle hat man es dann immerhin nicht mehr so weit! So mache ich es, lasse mein Auto stehen und setze mich in die Bahn. Währenddessen kann ich mir das Schlaraffenland eines leeren Berlins nur erträumen, ich bin ja nie da.* Nun kommen wir zum eigentlich Debakel. Dieser Artikel ist in drei Teile gegliedert, um euch durch mein Gedankenchaos zu führen: 

  1. Erste Anzeichen einer Krise. 

  2. Auslöser einer Krise. 

  3. Der Weg zurück aus dem Wahnsinn. 

ERSTE ANZEICHEN EINER KRISE
Die Weihnachtszeit scheint, so will mir der Unterton jeglicher Konversationen mit unterschiedlichen Personen zu dieser Jahreszeit es zuflüstern, prädestiniert für Konflikte zu sein. Besinnlicher Mist. Ich nutze sie im folgenden Artikel exemplarisch um ein generelles Phänomen aufzuzeigen: ein externer Faktor (Weihnachten und Neujahr) verleitet dazu, uns zu massenhafter halbherziger Gutmütigkeit und panischer Hoffnung, jetzt alles anders machen zu können, jetzt, wo ein Jahr das nächste ablöst, mitreißen zu lassen. Das Ganze scheint bei uns allen immerhin etwas (wenn auch nur etwas Kleines) anzustoßen oder auszulösen und ich schiebe das strickt auf folgende Beobachtung: wir dümpeln alle in unseren eigenen, jedoch für jeden von uns Sinn ergebenden Alltagen, herum. Vielleicht fühlen wir uns gerade sehr wohl, vielleicht arbeiten wir etwas auf, sind uns unserer Entscheidungen unsicher, fahren einen Gang herunter oder geben erst richtig Gas, sind gesellig oder fühlen uns in einem Einsiedlerdasein eigentlich ganz wohl, endlose Möglichkeiten, seine Tage zu füllen, so sind wir doch alle so verschieden. Und dann kommt Weihnachten und plötzlich sollen wir uns alle gleichermaßen wohlfühlen? Künstliche Lichterketten, Kunstschnee und zu viel Zucker um gebrannte Mandeln soll uns warm ums Herz werden lassen und der überdimensionale Weihnachtsmann scheint uns mit erhobenem Zeigefinger zu rügen, kaufen wir nicht schon Ende November viel unnützes Zeug für „unsere Lieben“. Ich strauchle jedes Jahr auf’s Neue, wie ich von jetzt auf gleich in Weihnachtsstimmung kommen soll, was das überhaupt ist und wo das Ganze in mein Leben reinpasst. Ist es nicht komisch, dass wir alle unterschiedlich sind und dann kommt ein Fest daher und wir lassen uns plötzlich vorschreiben, wie wir uns zu fühlen haben, alle gemeinsam, alle gleich? Nun gut, am Anfang gehe ich dem Trubel einfach aus dem Weg, irgendetwas Aufregendes ist schließlich immer und Berlin trainiert einen regelrecht, mit Reizüberflutung zurechtzukommen. Spätestens nach dem 500. „Last Christmas“, das schon aus jeder Ritze dieser Stadt (und ich bin mir sehr sicher, Berlin ist damit keine Ausnahme) herauszuquillen scheint, erleide ich die erste Sinnkrise und frage mich, ob ich mich nicht vielleicht doch vielen anderen anschließen sollte und mir das Ganze mit einer Tasse zu viel Glühwein schöntrinken sollte? Vielleicht bin ich auch einfach zu sensibel und bohre überall immer mit einem Fragezeichen nach, anstatt einfach mal einen Punkt zu setzen (es muss ja nichtmal ein Ausrufezeichen sein!) und mein Leben fortzusetzen. Aber so bin ich nunmal und frage mich und genau dort leitet eben jedes Jahr die Weihnachtszeit diese grundliegende „Konflikt-Stimmung“ bei mir ein. Jedes Jahr auf’s Neue. Also sozusagen Alle Jahre wieder. Aayayayayaya, ich bin infiltriert, George Michael, rette mich!

Weihnachts-Krise.001.jpeg

Weihnachten ist man plötzlich mit sich, ohne die anderen. Und dann kommt der Jahreswechsel.

DIE ULTIMATIVEN AUSLÖSER EINER KRISE
Zurück zum Konflikt! Ich halte die Weihnachtszeit also in einem Zustand der inneren Aufgewühltheit aus und fahre dann: endlich nach Hause! Und auch hier scheiden sich die Geister aller, die die Couch der Eltern, das Kinderzimmer und alte Schulfreunde in Aussicht haben. Die einen werden mindestens so hibbelig, wie die kleinen Kinder in den ganzen Vorabendfernsehfilmen, die den Weihnachtsmann und seine Generosität kaum abwarten können. Die anderen bekommen schon ein paar Tage vorher keinen Bissen mehr hinunter - sei es aus Prophylaxe, weil sie wissen, wie viel Ente und Schokolade sie noch verdrücken müssen, sei es aus Nervosität vor den Gesprächen mit Tanten und Onkeln, vor denen man sich rechtfertigen muss, wieso man noch immer studiert, wieso das kreative Projekt, was man gerade ausprobiert diesmal wirklich zum „ganz großen Durchbruch“ führen wird (mit Sicherheit!) oder wieso man immer noch keine ernstzunehmende Beziehung führt. Hier meine Skepsis gegenüber denen, die an Weihnachten immer „eine durchweg ganz tolle besinnliche Zeit“ haben: ihr lügt doch! Irgendein Konflikt muss es doch geben, irgendein Eklat, eine Stichelei zu viel, irgendwas?? Dann reicht es schon, dass sich jemand nicht authentisch genug über das mühselig ausgesuchte Geschenk freut und es kracht. Innerlich oder äußerlich. Und spätestens dann kommt es bei jedem zur Weihnachts-Sinnkrise.**

Weihnachtszeit und der Jahreswechsel scheinen einem Ausnahmezustand zu gleichen, dabei haben die Tage währenddessen auch nur 24 Stunden und wir kreisen immer noch alle zusammen um die Sonne

Wir haben uns in unserem Alltag Antworten auf unsere Fragen zurechtgelegt, um unser Handeln zu rechtfertigen. Wir haben uns dort eingegliedert, wo wir Tag für Tag aufstehen und wir immer wieder ohne nachzudenken die selben Wege gehen können, mit den selben Leuten reden, zu den gleichen oder ähnlichen Liedern tanzen. Und dann werden wir plötzlich deplatziert und konfrontiert, mit alten Wegen und Leuten, die uns kennen, aber nicht so, wie wir jetzt sind. Und wir kennen sie, aber nicht so, wie sie jetzt sind, weil auch sie haben ihren Alltag, auch sie verändern sich, auch sie legen täglich neue Steine, bauen sich einen neuen Weg, den wir vielleicht gar nicht mitbekommen und dann sehen wir uns alle wieder auf einen Haufen und sind eigentlich noch ganz wo anders. Hilflos versuchen wir anzuknüpfen an das Letzte, an das wir uns gemeinsam erinnern und würde jemand durch unsere dunstigen und beschlagenen Wohnzimmerscheiben an Heiligabend spähen, jemand der nicht zur Familie gehört, würde er vermutlich ein paar erwachsene Menschen sehen, die alle aneinander vorbeireden und sich dabei trotzdem lieb haben. Bei manchen funktioniert das besser, bei manchen weniger gut, woran das liegt, belasse ich einmal ungeachtet. Ein paar Tage dauert es meistens und man realisiert: ich bin ich, aber nicht mehr da, wo ich sonst immer bin. Und dann ist man mit sich und ohne die anderen muss man sich plötzlich mit sich auseinandersetzen. Die Weihnachtszeit wird zur Konfrontationstherapie und dann kommt auch noch der Jahreswechsel! Da werden wir plötzlich alle sentimental und euphorisch und der magische 1.1. wird zur Chance, die großen aufgeschobenen Vorhaben der letzten 364 Tage alle auf einmal umzusetzen. Eine unsichtbare Kraft wird es uns ermöglichen, mit dem Rauchen aufzuhören, mehr zu schlafen, ehrlicher zu uns selbst zu sein, öfter mal weniger Alkohol zu trinken, besser zuzuhören, weniger zu prokrastinieren und sich gesünder zu ernähren. Siiiiiicher! Und schon wieder eine Konfrontation: mit den Fehlern, die wir machen. Fehler unseres Alltags, manche schwerwiegender, manche harmloser. Aber Fehler bleiben Fehler und sie bleiben gut, denn nur so lernen wir. Und wir sind immer noch nicht in unserem gewohnten Umfeld und wir sind immer noch mit uns konfrontiert. Jetzt komme ich zum Punkt, an dem wir zurück aus dem Gedanken-Wahnsinn kehren. 

DER WEG ZURÜCK - WIR BESINNEN UNS
Weihnachtszeit und der Jahreswechsel scheinen einem Ausnahmezustand zu gleichen, dabei haben die Tage währenddessen auch nur 24 Stunden und wir kreisen immer noch alle zusammen um die Sonne - zwei Konstanten denen wir alle relativ sicher sein können, ungeachtet unserer unterschiedlichen Ausgangssituationen. Wir können uns entweder dazu entscheiden, viel runterzuschlucken und Familiendramen unter den Teppich der Oma zu kehren und zu hoffen, dass sie dort bis nächste Weihnachten stillschweigend liegenbleiben. Wir können mit den Dramen, die im immer schlechter werdenden Fernsehprogramm rauf- und runterlaufen versuchen mitzuhalten. Oder wir können alle zusammen einen Gang herunterschalten und merken, dass es alles halb so wild ist. Weihnachtszeit und Jahreswechsel: Krisenzeit. Aber auch nur, wenn wir es zur Krisenzeit machen lassen, weil wir die restlichen Tage im Jahr unsere Münder mit Floskeln stopfen, anstatt anständig zu reden. Anstatt uns von dem Strom lenken zu lassen, anstatt nicht ab und zu mal inne zu halten und zu reflektieren. Was ich mit meinen ausschweifenden Worten sagen möchte: lasst euch nicht von Jahreszeiten und Werbeslogans diktieren, wann ihr besinnlich, herzlich oder aufmerksam sein sollt. Schenkt auch mal im Sommer, Herbst oder Frühling ein Lächeln oder ein Geschenk, verpackt euer schlechtes Gewissen nicht in kitschiges Papier und überreicht es mit einem Stechen in der Brust euren Freunden oder Familie, bei denen ihr euch zu selten meldet. Geratet nicht in Panik, weil sich die letzte Zahl einer insgesamt ziemlich großen Zahl (2019. Man stelle sich 2019 von irgendetwas vor, zum Beispiel Schokoladentafeln, und man merkt, dass es eine ziemlich große Zahl ist) verändert und ihr es immer noch nicht geschafft habt, euer gesamtes Leben umzukrempeln. Lasst utopische Ziele in Hollywood und steckt Fahnen in absehbarer Ferne. Auch jenseits vom 1.1. 

Besinnt euch und trinkt lieber noch einen Schluck von dem guten Rotwein, den euch eure Verwandten anbieten, den könnt ihr euch an den restlichen Tagen im Jahr nämlich nicht leisten und das ist der einzige ernstzunehmende Unterschied, den die Weihnachtszeit mit sich bringt! Cheerio Miss Sophie!



* (Sollte es gar nicht so bombastisch sein, wie ich es mir vorstelle, sagt es mir bitte nicht und lasst mich in meiner Illusion schwelgen. Und ich meine das Ganze nur halb so missgünstig, wie es in den letzten Zeilen rüberkam, ehrlich!)

** Ich würde die Dramatik gerne beibehalten und von einer Sinnkrise reden. Der Jahreswechsel macht mich immer so melodramatisch. 

MeinungHanneganz neuComment