Vertrauen, Verbindlichkeit, Verletzung

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BINDUNG IST NICHT BÖSE!

Schon bevor du den ersten Atemzug getan hast, bist du gebunden. Die Nabelschnur fängt in dem Körper deiner Mutter an und endet in dir, sie nährt dich, ihr Leben ist nun deins und ihr teilt alles. Die Vitamine aus dem Schluck Orangensaft erreichen deinen Körper und ihre Glückshormone bringen dich zum Lachen. Dann kommst du an im Leben und die Bindung geht weiter. Jetzt kannst du dich ein Stück freier bewegen, aber spätestens dein Hunger bringt dich zurück zu ihrem Körper. Ein Schrei und sie hält ihn dir hin, hält dir ihre Brust hin, ihr Körper unabdingbar für dein eigenes Überleben. Du fängst an, dir die Welt anzuschauen, in die du hineingeworfen wurdest. Hoffentlich ist es schön um dich herum, hoffentlich warm, weich, beschützend. Du bist gebunden an die Menschen, die dich umgeben, Verbindlichkeit keine Frage. 

Dann wirst du ein Stück größer, ein Stück stärker, streckst eines Tages deine Beine durch und stehst, gehst und schaust dir die Welt im Wandel an. Wackelnd und darauf angewiesen, dass die Hände deiner Eltern dich fangen, wenn du taumelst. Zuerst ganz unmittelbar wortwörtlich und sobald dein Stand sicherer ist, mehr und mehr metaphorisch. Aber sie bleibt, die verbindliche Beziehung, das unausgesprochene Versprechen, dass da jemand ist, wenn alles kippelt und wankt. Das Wort BEDINGUNGSLOS sollte die Wände eines jeden Kinderzimmers schmücken! 

Die größte Angst, die wir als kleine Kinder haben ist, dass wir von unseren Eltern verlassen werden. Klammernde Kinderhände an Kindergartentüren, verzweifelte Schreie zwischen hohen Regalen in Einrichtungsläden, wenn die Köpfe der Eltern nicht mehr in der Masse aufzufinden sind. Maximale Verlustangst durch maximale Bindung. 

Wir wollen, dass jemand da ist, wenn wir bei der Weihnachtsaufführung in der Schule auf der Bühne in einer Ecke hinter dem Stall stehen und einen Stern aus Pappe halten, dass, wenn wir kotzend über der Kloschüssel hängen, jemand unsere Haare hält, jemand vorliest, alles in allem: jemand da ist. Und wir wissen auch wie blöd es sich anfühlt, alleine zu sein, nicht zu wissen, zu wem man soll, wie sehr Heimweh einen aus der Bahn werfen kann. 

Wir kommen auf die Welt und sind maximal gebunden. Es gibt einen Punkt, da öffnen sich unsere Augen und unsere Eltern werden ein bisschen weniger heilig, weil wir merken, dass auch sie Hunger haben, schlafen müssen und sich mit dem gleichen Wasser die Hände waschen und ihre Zähne putzen, wie wir. Aber damit hört die Bindung nicht auf, da sollte die Bewunderung erst richtig anfangen, denn: wenn diese Menschen die gleichen Ressourcen zur Verfügung haben wie wir alle, wie können die das dann alles gleichzeitig schaffen; ihr eigenes Leben UND das ihrer Kinder stemmen? Und doch schleicht es sich bei uns ein, allmählich, sobald wir erwachsen sind und uns um unsere Sachen selber kümmern, „frei“ da draußen in der Welt herumlaufen, uns BLOSS NICHT ZU BINDEN zu wollen! Wir lösen uns peu à peu von der konstantesten Verbindung die wir bis dahin hatten, wissend, dass wir uns nie wirklich davon lösen, egal wer oder was “zuhause” für uns ist. Und dann wenden wir uns unserer eigenen Welt zu und wollen in ihr auf Teufel komm raus ungebunden, spontan und frei sein, bei uns selber bleiben und versuchen als Einzelgänger*in durch unser Leben zu gehen - dabei trotzdem möglichst sozial sein und auf vielen Feiern gleichzeitig tanzen.*

Bei Einladungen sagen wir immer nur zu 80% zu, falls eine bessere Veranstaltung auftaucht. 
Alle Türen offen halten. 
Im Restaurant fragen wir unsere Freunde, ob wir nicht alle was Unterschiedliches zu Essen bestellen können, um dann alles zu teilen, weil es zu schwer fällt, sich für ein Gericht zu entscheiden, zu groß die Angst vor der Fehlentscheidung.**
Alle Türen offen halten. 
Unsere Gesellschaft scheint uns selbst von der ultimativen Bindung - Mutter & Kind, Brust & hungriger Mund - zu entfesseln. Künstlicher Säuglingsnahrung sei Dank. Ein vollkommen fremder Mensch könnte uns also großziehen. 
Alle Türen offen halten. 

Ich lasse Türen aber nur so lange offen, wie es nicht durch sie zieht.
Ich bin für mehr Verbindlichkeit. Für eine feste Zu- oder Absage und keine ständigen „vielleicht komme ich noch vorbei, mal schauen“. Ich bin der Meinung, dass man auch entspannt durchs Leben gehen kann, wenn man nicht die ganze Zeit alles offen lässt, wenn man nicht super ultra spontan ist und nicht die ganze Zeit die Möglichkeit hat, doch noch abzuspringen. Verbindlichkeit ist sexy, ein bisschen mehr auf jeden Fall. Mehr Bindung bedeutet für mich: ich lebe im Schlaraffenland, im Süßwarengeschäft und ich kann mich die ganze Zeit nach links und rechts drehen und überall gibt es schöne Menschen, tolle Veranstaltungen, Inspiration und mehr mehr mehr. Aber sich für etwas zu entscheiden und wenigstens kurz dabeizubleiben zeugt von Stärke und Selbstbewusstsein.

Mehr Verbindlichkeit bedeutet für mich nicht Zwang, „Eingeengt-Sein“ oder Biederkeit und Spießertum. Es gibt ja trotzdem noch WG-Parties, auf denen man erscheinen kann oder doch zuhause bleiben kann und die Entscheidung bemerkt eigentlich keiner der Gäste. Es gibt auch Kochabende mit Freunden, wo es nicht wirklich schlimm ist, wenn man kränkelt und sich lieber unter der Bettdecke verkriecht, als Nudeln mit Tomatensauce in Gesellschaft zu essen und sie mit Rotwein herunterzuspülen. Aber diese Grundstimmung, in der ständig alles möglich ist und man schon fast damit rechnet, dass die Hälfte der Verabredungen doch nicht stattfinden, weil irgendwas dazwischenkommt oder ein „lass uns spontan machen“ alles viel komplizierter macht als ein „Freitagabend um 20.00 Uhr“, die nervt mich manchmal. 

Die Welt mit all ihren Ereignissen läuft sowieso schneller an uns vorbei, als wir schauen können. Sie hat uns wahrscheinlich schon dreimal überholt, bevor wir unsere Füße in den Startlöchern arrangiert haben. Sich an manches und manchen zu binden macht uns dadurch nicht zu Hinterwäldlern oder realitätsfern, sondern bringt ein wenig Verlässlichkeit und Kontinuität in das Chaos hier. Ein „ich bleibe“ oder „ich komme“ oder „wir beide machen das zusammen“ oder einfach nur „ruf an und sag Bescheid, ich komme mit“ ist die Brust deiner Mutter, die Sicherheit, dass jemand da ist, wenn du schreist. Zuzusagen ist cool, zueinanderstehen schön, nicht feige, nicht strategisch unklug, denn es gibt immer das Bessere, immer jemand anderen. Die Zeit, die du damit verbringst, danach oder nach diesem zu suchen, ist so viel besser investierte, wenn du einfach „ja“ zum Ersten sagen kannst und siehst, wo die Reise hingeht. Ein „Nein“ geht immer noch irgendwann.


*Da ist Berlin vielleicht nochmal einen Zacken extremer, so wie in allem, alles irgendwie extremer hier…

** Gut, das ist vielleicht meine eigene Macke, aber ich bin mir ganz sicher, dass es auch anderen da draußen so geht!