Unentschieden

“Ich weiß nicht, sag du…”

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Es ist ein wenig, wie das „Beispielsweise“ oder „Quasi“ des stotternden grauen Professors in der nicht allzu spannenden Vorlesung: es setzt sich in deiner Ohrmuschel fest und du scheinst es nicht mehr nicht hören zu können. Manchmal ist man sich dann auch schon gar nicht mehr so sicher, ob es gerade wirklich gesagt wurde oder ob man es einfach schon derart in die Gespräche anderer beimischt, wie der obligatorische Schuss Zucker im sonst viel zu starken Espresso deines Lieblingsitalieniers. 
Ich spreche von der Unentschlossenheit. 
Sie hat viele Formen und sobald man sich einmal darauf konzentriert… nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken!!!

„Wo willst du essen gehen?“ — „Weiß nicht, mir eigentlich egal.“
„Wollen wir zahlen und noch eine Runde um den Block gehen, vielleicht sehen wir ein Stern?“ — „Wenn du möchtest.“
„Welche Farbe findest du schöner an mir?“ — „Eigentlich beide, die eine passt perfekt zu deinem Hautton, die andere bringt deine Augen richtig zum Strahlen.“
(Ich habe versucht, Beispiele aus wirklich abstrusen Gesprächen, die ich in der letzten Zeit so aufgeschnappt habe, zu liefern. Wehe, sie schreien nicht vor AMBIGUITÄT!) *

Ich arbeite nebenbei in einem italienischen Feinkostladen. Schon seit einer Weile. Und hätte ich die Zeit (oder wahrscheinlich viel mehr die Nerven und die Lust), so hätte ich dort schon mehrere soziale Studien durchgeführt. Viel Kunden unterschiedlicher Sorte, aber viele fallen in den Topf „unentschlossen“. Irgendwie ist es faszinierend, etwas zu empfehlen und zu verkaufen, was nicht meins ist und was auch nie meins war. ‘Aber SO schwer kann es ja wohl nicht sein, sich für eine Olivensorte, eine Nudelsorte oder eine Art von Keks zu entscheiden’, denke ich stillschweigend vor mich hin und hoffe an Tagen, an denen ich unausgeschlafen und gestresst bin, dass ich sowas wie einen „Anstands-Filter“ besitze und meine Blicke, während ich eine Entscheidung von der anderen Seite der Theke erwarte, nicht plötzlich zu Worten werden und ich meine ungeduldigen Gedanken nicht anfange laut auszusprechen. Italienische Feinkost ist etwas, was wir nicht wirklich brauchen, aber was ist das schon in unserer Wohlstandsgesellschaft? Eigentlich verrückt, wenn man sich das mal vor Augen führt: wir haben Hunger und dann scheitern wir daran, uns für eine Nudelsorte zu entscheiden, die wir unseren Gästen in unserer schön eingerichteten Altbauwohnung heute Abend servieren wollen. Lieber schwarze Linguine (mit Sepia-Tinte gefärbt!) oder grüne Basilikum-Fussili? Hausgemachtes Pesto oder doch lieber eine Artischocken-Creme? Zu oft gibt es da folgendes Szenario für mich zu beobachten: Paar (alt oder jung spielt hierbei tatsächlich fast keine Rolle) kommt rein und will heute Abend schön kochen. „Ab zum italienischen Feinkostladen“, dachten sie sich bestimmt, „da holen wir uns Inspiration und zaubern uns was Ausgefallenes auf unsere Teller.“ Spoiler Alert: die meisten enden bei Nudeln mit Pesto und ein paar Oliven und Käse als Vorspeise. Mit einem guten Wein. Und dann kommen sie rein und als hätte man es sich nicht schon vorher denken können, gibt es nicht nur eine Sorte Pasta und was für einen Wein man kauft, hängt dann auch noch davon ab, ob man Fisch, Fleisch oder Antipasti serviert. Panik-Modus und der Mann fängt an, Vorschläge zu machen, sein Partner sagt immer „ich weiß nicht, sag du“ und er erwidert stets “sag du, ich weiß nicht” und bei einem weiteren Paar schweigen sich die beiden Parteien aus Prinzip an und dann schreite ich ein und mache wunderbare Vorschläge und tip-top, die Sache ist eingetütet und die beiden sind so erleichtert darüber, sich nicht mehr selber entscheiden zu müssen, dass sie gar nicht bemerken, dass ich ihnen im Endeffekt keine Quantenphysik erklärt habe, sondern nur eine von drei Mahlzeiten am Tag zusammengestellt habe. Die Entscheidung, wann sie essen werden, konnte ich ihnen nicht abnehmen, dafür aber den Tip mit auf den Weg geben, den Wein 30 Minuten vor Genuss zu öffnen und am besten schonmal in die Gläser einzugießen. Schmeckt dann besser. 

Der italienische Feinkostladen spiegelt ein Grundproblem unserer Gesellschaft in kleinerer Dimension wider: Wir können uns nicht entscheiden. 

Der italienische Feinkostladen ist nur ein Baustein in unserer Gesellschaft. Er passt perfekt rein. Globalisierung + Wohlstand + Überangebot + Kapitalismus. Aber das macht er ganz gut. Und während es vielleicht ein wenig so rüberkommt, als würde ich das alles von meinem hohen Ross herunterrufen, genieße ich es doch sehr, mit Stammkund*innen zu plaudern, zu erfahren, für wen sie den Geschenkkorb kaufen oder in die glitzernden Augen der älteren Dame zu blicken, wenn sie mir erzählt, wie sehr sie sich darauf freut, den Parmesan und die frische Petersilie heute Abend über ihre Nudeln streuen zu können und dass die MUTTI-Tomaten aus der Dose die fruchtigsten sind (und sie habe schon viele in ihrem Leben ausprobiert).
Der italienische Feinkostladen spiegelt ein Grundproblem unserer Gesellschaft in kleinerer Dimension wider: Wir können uns nicht entscheiden. 

Zweites (kürzeres) Beispiel und diesmal geht es auch nicht um Olivenöl und Co.: 
Ich passe nun seit guten fünf Jahren auf ein kleines Mädchen auf, sehe sie aufwachsen und freue mich, weil sie sich dabei (noch!) von mir an die Hand nehmen lässt. Dabei ändert sich vieles, manches schleichender, manches quasi über Nacht (letzte Woche war die Lieblingsfarbe noch Lila und wenn ich beim Malen diese Woche diesen Buntstift zücke, um das Kleid des kleinen Mädchens damit auszumalen, werde ich vorwurfsvoll zurechtgewiesen, wie ich denn nicht wissen könne, dass Orange nun die schönste Farbe überhaupt sei? ‚Ja, wie konnte ich nur? hmmmm…‘, denke ich mir dann und wechsle stillschweigend den Stift). Eine der größten Veränderungen, die ich dabei jedoch beobachtet habe, ist, dass sie oft nicht mehr genau weiß, was sie möchte. Habe ich sie mit drei Jahren beispielsweise gefragt, ob sie Hunger habe, hat sie „Ja“ gesagt, wenn dies der Fall war, „Nein“, wenn nicht. Jetzt hängt es inzwischen davon ab, was es gibt. Sie weiß nicht mehr so genau, welche Eissorte sie wählen oder welches Buch ich vorlesen soll. Gut, sie wächst in einer Großstadt auf und da gibt es um sie herum viel mehr, als 100 Kilometer weiter auf einem einfachen Bauernhof in Mecklenburg-Vorpommern. Da gilt es nur, die Entscheidung zu treffen ob Eis, und wenn ja, dann das, was man gerade da hat. Es muss nicht zwischen „Erdbeer-Basilikum“ und „Vanille-Tonka-von-fünf-verschiedenen-Seiten-geröstete-Espressobohne-aus-fairem-Handel“ ausgewählt werden. Sie wächst, ohne dass sie etwas dafür kann, zu einer Unentschlossenen heran und würde ich in 15 Jahren noch in dem italienischen Feinkostladen arbeiten (bitte, liebe Kreativ-Branche, lass mich nicht im Stich und hab bis dahin einen Job für mich parat!), würde ich ihr lächelnd bei der Weinauswahl helfen. 

Nun packe ich die beiden Situationen als Metaphern ein und fahre sie eine Etage höher: das Leben. Und siehe einer an, da fällt es uns noch schwerer, uns auf etwas festzulegen, „ja“ statt „vielleicht“ zu sagen und eine genaue Richtung einzuschlagen. Nach der Schule können wir uns plötzlich selber entscheiden, ob wir studieren wollen, eine Ausbildung machen wollen (ein kleines zaghaftes “Hoch” auf das deutsche Bildungsangebot) oder doch etwas ganz anderes. Und wenn wir studieren, können wir uns eigenständig für ein Studium entscheiden (außer, du bist ein „Mediziner-Kind“. God bless you, deinen Kampf möchte ich nicht austragen, sollte dir etwas anderes, als eine Medizinkarriere vorschweben!). Und während wir studieren, können wir uns auch dazu entscheiden, das Ganze wieder abzubrechen. Oder langsamer studieren. Oder ein Urlaubssemester. Oder doch ein anderes Seminar? Professor*innen rennen einem plötzlich nicht mehr mit Abgabeterminen hinterher. Gibst du ab, bekommst du Creditpoints. Gibst du nicht ab, gibts auch keinen Abschluss. Das stört die dann aber nicht, nur dich selbst (und den Staat, der gibt dir dann kein Bafög mehr oder deine Eltern, die geben dir dann keinen Unterhalt mehr). Und dann geht es ins Berufsleben und dann geht es um die Partner*in-Wahl und dann müssen wir uns entscheiden, wohin wir reisen wollen, wo wir wohnen wollen, ob wir Kinder wollen und wenn ja, wie viele und und und und und und…….

Es ist tatsächlich schwierig im Überfluss zu leben. Es ist ein Luxusproblem, aber man lebt und leidet mit und unter den Problemen aus seinem eigenen Leben und beschäftigt sich (vielleicht auch ein bisschen zu wenig) mit denen anderer. Und während es überall nur so vor Neuem und Schönem zu sprießen scheint, bedeutet dies auch: mehr Möglichkeiten = mehr Entscheidungen = mehr Möglichkeiten zur Fehlentscheidung. 

Man kann nicht alles gleichzeitig machen. Sehr generisch und trotzdem sehr wahr. Um diesen Schwank genauso metaphorisch zu beenden, wie er angefangen hat, hier meine Geheimformel, wie ich versuche durchs Leben zu schreiten, ohne mir an den ganzen Möglichkeiten den Kopf zu stoßen: 
Jeden Samstag geht es bei mir zuhause in der Familie einkaufen. Das erledigt, solange ich mich dran erinnern kann, meistens mein Papa und ich war immer (eigentlich, außer als Teenie, da nur gelegentlich) dabei. Und eins hat bei ihm nie gefehlt: der Einkaufszettel. So konnte man sich aufteilen, das belohnende Gefühl des Durchstreichens auf der Liste hat die zu zahlende Summe an der Kasse ein bisschen erträglicher gemacht und der Supermarkt war nicht so überwältigend. 

So mache ich es heute noch. Beim Einkaufen und im Leben versuche ich es auch. Ich mache mir einen Zettel und fahre mit meinem Einkaufswagen durchs Leben, in dem ist meistens sowieso mehr Platz, als man Dinge aufgeschrieben hat und so bleibt noch Raum für Spontanität und Zufälle. 


* Nur im Club, da scheinen sie sich plötzlich alle einig zu sein: „Musst du auch aufs Klo?“ KLAR!