Angeborenes Mitteilungsbedürfnis: Selbstgespräche

Es hat ein wenig gedauert, bis ich mich für den Anfang von diesem Text entschieden habe. Ich hab mich dann am Ende für einen ziemlich plumpen Anfang entschieden: Hier ist der Anfang des Textes. 

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Das hier ist keine Verkündung einer Schwangerschaft, eines Studienabbruchs, Berufswechsels, Umzugs, einer Lebensumgestaltung. Ich schreibe heute nur einfach kein Gedicht, keine Kurzgeschichte, keinen Gedankenschwall über eine beobachtete Auseinandersetzung spät abends in der Berliner U-Bahn. Wer öfter mal hier zwischen meinen Texten herumstöbert weiß, dass dies eigentlich eher die Norm für mich wäre. Leute, die weder mich, noch meine Art zu Schreiben kennen, denen dieses Schriftstück wie ein Flugblatt vor die Füße gesegelt ist, können das Ganze aus dem Kontext gerissen betrachten. Die Restlichen natürlich auch. 

Junges Erwachsenenalter ist wie eine Verlängerung der Pubertät. Nur, dass man (im besten Fall) seine Gedanken und Gefühle inzwischen ein wenig besser versteht und das Ganze nicht mehr ganz so vernebelt durch einen Schleier von Hormonen und Verwirrung betrachtet. Auch wenn einem das von Zeit zu Zeit auch immer wieder passiert. Handelt es sich nur um einen Tag ist mein Tip: Kopf unter die Decke und warten, bis das Gewitter vorbeigezogen ist. Kracht es mehrere Tage, wird die Sache ein wenig heikler. Ich möchte mich hier ganz gezielt von jeglicher Form von Selbsthilfe, Diagnosen, Küchenpsychologie und allem, was man in dieser Box im Internet so finden kann, distanzieren. Viel mehr kommt hier etwas, was ich bei mir selber beobachten kann und weil ich im Endeffekt auch einfach nur eine Frau in einer großen Stadt mit Anfang 20 bin, die ab und zu nachdenkt, wage ich mich, das Nachgedachte auf die ein oder andere Person zu übertragen. Meistens trifft das nämlich auch nicht nur auf und für Frauen zu. Ich schreibe von mir aus, vielleicht kann sich jemand anderes meine Gedanken ja auch überstülpen und von innen betrachten. 

Zwischen vielen E-Mails, dem obligatorischen kurzen Instagram-Stroll und schnell hin- und hergeworfenen Kurznachrichten an Freunde und Familie merke ich, dass ich oft und viel kommuniziere, aber nicht genug mit mir selber. Nicht zu selten rede ich vor mich hin, wenn ich von A nach B in meiner Wohnung laufe und bei B angekommen schon wieder vergessen habe, was ich mir bei A für B vorgenommen habe (meine Wohnung ist nicht so groß). Ich wohne alleine, da muss man mit sich reden, sonst erschrickt man sehr, wenn man am Abend das Haus verlässt, um noch ein wenig sozial zu sein und um 19.00 Uhr das erste Mal an dem Tag seine eigene Stimme hört. Die Selbstgespräche, die dabei rumkommen würde ich allerdings eher in die Kategorie „Solo-Smalltalk“ einordnen und selten als tiefe und ehrliche Auseinandersetzungen mit mir und meiner Umwelt. Ich höre gerne zu, wenn mir erzählt wird und tu dies auch gerne selber, aber das ist eine direkte Interaktion mit einem anderen Menschen, da sende ich etwas ab und empfange etwas - von Person 1 zu Person 2. Oder auch in Gruppen zu Person 3, 4, 5, 6. Das ist das Schöne daran, Mensch zu sein, ein Mensch mit einer Sprache und einem sozialen Verständnis. Aber manchmal merke ich trotzdem, dass ich dabei zu kurz komme und was ich dann brauche, ist eine Unterhaltung mit mir selber.

Der Gesprächseinstieg ist nicht so einfach. Oft kommt es auch darauf an, wie lange ich schon still war, wie ich reden möchte, ob ich mir bewusst bin, dass ich reden möchte, ob ich heiser bin oder nur flüstern möchte. Es gibt ganz unterschiedliche Wege, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen. Wenn man bei mir unters Bett schaut stapeln sich dort Tagebücher, einige! Manche erfüllen Klischees und sind voll mit nie abgeschickten Liebesbriefen. Und manche will man vielleicht gar nicht so genau lesen, weil man sich dann entweder selbst leid tut oder sich gehörig auf die Nerven geht. Aber all das sind Unterhaltungen mit mir, über meine Gefühle, über meine Ängste, meine Träume, meinen Neid, Zweifel, Vorfreude, Verliebtheit, Verletztheit, Unverständnis oder Verwirrung. Es gibt Tage, an denen kann ich Seiten füllen und mich hinterher so leicht und befreit fühlen. Dann gibt es auch solche, an denen ich mir fünf Zeilen aus den Fingern sauge und müde den Stift zur Seite lege. Schreiben ist mein Weg, mich mit mir selber zu unterhalten. Manche Unterhaltungen mache ich öffentlich, bei manchen mache ich sieben Siegel davor und traue mich erst Jahre später, nochmal einen Blick darauf zu werfen. Mein angeborenes Mitteilungsbedürfnis fließt in einem Stream of Consciousness, in Gedichten, Wortfetzen, Schachtelsätzen oder Stichpunkten. Aber meistens fließt es in Wörtern. 

Gespräche mit sich selbst sind undefiniert. Jeder redet mit sich auf einer anderen Sprache. Manche brauchen dafür einen Stift und Papier, andere wiederum eine Yogamatte, eine Hängematte, das Meer, einen Pinsel und eine Leinwand, eine Kamera, Nadel und Faden, Hammer, Säge, Nägel und Schrauben, ein Musikinstrument, eine Nähmaschine, ein paar Wanderschuhe und die Berge.

Menschen, die Selbstgespräche führen werden oft als bisschen matschig im Kopf abgestempelt. Verstumme ich jedoch mit mir selbst, werde ich verrückt. Wenn ich mal nicht weiß, was ich sagen soll, dann schweige ich mich selbst so lange an, bis ich meine Stimme vermisse und dann fange ich an zu reden. „Bewusstes Anschweigen“ ist im Endeffekt nur eine schöne Metapher für „ich geh mal eine Runde meditieren“. Fürs Meditieren musst du deine Füße nicht in den Ganges in Indien gesteckt haben oder einen veganen Trip auf dem Jakobsweg meistern. Ich lasse mich von Videos oder Stimmen aus meinem Handy anleiten und finde das gar nicht so schlimm. Es hilft jedenfalls sehr! 

Wir schauen die ganze Zeit um uns herum und projizieren all das Beobachtete auf uns. Wir sind unglaublich egoistisch und haben ständig Angst, wir könnten in Vergessenheit geraten, gerade auch, weil es heute viel schneller als je zuvor passieren kann. Drei Wochen nix von einer noch lockeren Bekanntschaft gehört und schon hat man die Unterhaltungen und schönen Momente vergessen, an denen man sich vor gar nicht allzu langer Zeit noch erfreut hat. In der Zwischenzeit ist ja schon wieder so viel Neues passiert, man hat höchstwahrscheinlich schon wieder sehr viel konsumiert. So viel Input, der uns entgegengeworfen wird, können wir gar nicht in unsere Köpfe unterbringen und so quillt alles über und fließt in den Fluss der Vergessenheit. Wir reden, essen, gehen schneller, schlafen weniger und rennen ständig allem hinterher. Wir kotzen uns Tag ein Tag aus Wortschwalle entgegen und auch wenn das am Anfang nicht so lecker ist, halte ich mir manchmal meinen Mund zu und schlucke runter. Und da merke ich, dass ich ziemlich viele Worte verschenke, die eigentlich für mich selber gedacht waren. Wir haben ein angeborenes Mitteilungsbedürfnis. Damit bei all dem Gerede auch etwas Produktives bei rumkommt, hilft es manchmal, ein wenig stiller nach außen zu sein und anzufangen, mit sich selbst zu reden.